INTERVIEW: Anna Ternheim

Anna Ternheim ist eine Frau, der man gerne zuhört. Denn sie hat etwas zu sagen. Sowohl in ihren Songs, als auch dann, wenn man ihr leibhaftig gegenübersitzt. Anlässlich des Releases ihres Albums „A Space For Lost Time“ trafen wir Anna im Hauptquartier von BMG Deutschland.

Sieben LPs in fünfzehn Jahren, das macht alle zwei Jahre eine neue Platte. Ist dieser Abstand ein natürlich gewachsener oder gibt es spezielle branchentypische Gegebenheiten, die Einfluss darauf genommen haben?

„Manche Kollegen meinen, dass je mehr Platten man veröffentlicht hat, desto mehr Zeit braucht man für die Arbeit an einer neuen. Es ist aber eine Gratwanderung. Denn man muss auch seine Rechnungen bezahlen können. (lacht) ‚All The Way To Rio‘ hat mich zum Beispiel vier Jahre gekostet. Die Platte stellte sich als echte Zicke heraus. Ganz ehrlich, ich habe mir früher den Arsch aufgerissen, um möglichst schnell zu sein und so das Momentum eines Albums bewahren zu können. Besonders mein zweites und drittes Album forderten mich dabei enorm. Während ich für mein Debüt alle Zeit der Welt hatte, wuchs der Druck nach dessen Erfolg schlagartig an. Jeder wollte plötzlich einen Nachfolger, was Erwartungen von außen, aber auch Zweifel in mir selbst, nach sich zog.“

Gab es irgendwann einen Wendepunkt?

„Ja, mit ‚The Night Visitor‘, meinem vierten Album. Was aber nicht bedeutet, dass die Erfahrungen vorher unwichtig gewesen wären. Ich bin nach wie vor sehr zufrieden mit meinen ersten Platten. Mir wurde durch die Produktion dieser klar, wie und mit wem ich fortan arbeiten wollte. Und dass es manchmal wichtig ist, Nein zu sagen. Mein Umzug nach New York, kurz nachdem ‚Leaving On A Mayday‘ erschienen war, schenkte mir schlussendlich Freiheit. Es mag seltsam klingen, aber ich habe das Gefühl, heute wieder am Anfang von etwas zu stehen. Ich habe mehr Kontrolle als je zuvor. Zwar vertreibt BMG meine Musik, aber sie erscheint auf meinem eigenen Label.“

Du bist also eine echte Independentkünstlerin.

„Die war ich tatsächlich auch vorher schon. Nur, dass Universal damals die Lizenzierung und so weiter übernahm.“

Ist es wichtig für dich, viele der Prozesse, die die Veröffentlichung eines Albums mit sich bringt, selbst steuern zu können?

„Ich bin Teil einer alten Ära. Vieles hat sich seitdem verändert. Als ich anfing, Musik zu machen, war das zwar nicht mehr wie Ende der Neunziger, als die Branche mit Geld nur so um sich warf, aber es wurde noch immer in Bands und Künstler investiert. Das half auch mir. Heute ist alles anders. Du musst als Künstler selbst am Ball bleiben.“

Instagram und Co. scheinen wichtiger denn je, wenn man sich gut promoten möchte.

„Es ist, als gäbe es zwei Realitäten. Eine, in der all diese digitalen Aspekte wichtig sind. Also all die Streamings und dein Verhalten auf Social-Media-Kanälen. Und dann gibt es die echte Welt, in der Fans auf dich zukommen, sie Tickets für deine Shows und auch physische Tonträger kaufen. Ich stehe mit einem Bein in der Vergangenheit und versuche, mit dem anderen nach vorn zu kommen und mich anzupassen. Aber ich bin keine zwanzig mehr. Mein Smartphone ist nicht die Erweiterung meines Arms. (lacht) Als ich einen Kurs machte, um den Umgang mit der Software Logic zu erlernen, erstaunte mich ein Fünfzehnjähriger. Die Art und Weise, wie er mit seinen Händen arbeite, so etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Ich konnte einiges von ihm lernen und er von mir und meinem Wissen als Musikerin.“

Komponierst du jetzt mit Logic?

„Ja. Früher war ich eher analog, mit Stift und Zettel, unterwegs. Oder mit meiner Gitarre und einem Aufnahmegerät. Ich liebe es aber, dazuzulernen und neue Dinge auszuprobieren. Logic hilft mir, meine Ideen zu sortieren. Außerdem kann ich so leichter Files an Kollegen senden. Zwar habe ich das auch in der Vergangenheit getan, aber jetzt ist es etwas unkomplizierter. Ach, und ich kann Musik wie John Carpenter machen, indem ich mit Loops herumspiele. Ich verehre ihn!“

Hast du manchmal das Gefühl, mit dem ein oder anderen Song zu viel von dir preisgegeben zu haben? Du lächelst, also muss da etwas sein.

„Ich rede nicht wirklich über mein Privatleben. Und trotzdem bin ich extrem privat in meinen Texten. Hoffentlich bleibt dennoch genug Raum für Imaginationen. Ich ändere zum Beispiel die Namen von Personen oder passe Details an, um niemanden zu verletzen.“ (lacht)

Gab es trotzdem Situationen, in denen dich jemand mit einem bestimmten Song konfrontiert hat und wissen wollte, ob er oder sie damit gemeint ist?

„Eine Person, ja. Diese redet seitdem nicht mehr mit mir und verschwand aus meinem Leben.“

Bereust du, den Titel veröffentlicht zu haben?

„Nein, es ist ein guter Track. Er war es wert.“ (lacht)

Du willst uns sicher nicht verraten, welcher es war?

„‘A French Love‘.“

Du scheinst unglaublich gut vernetzt zu sein. Wieso?

„Von Leuten umgeben zu sein, die gut darin sind, das zu tun, was sie tun, das ist wichtig. Seien es Musiker, Produzenten oder Techniker. Aber es ist auch von Vorteil, einen vertrauensvollen, rein kreativ orientierten Zirkel um sich herum zu haben. Bei ‚All The Way To Rio‘ machte ich einen großen Fehler. Ich spielte die Platte jemandem vor, als sie noch unfertig war, und bekam den falschen Input. Das zerbrach mir den Kopf. Vermutlich brauchte ich auch deswegen so lang, um das Album fertigzustellen. Konstruktive Kritik ist wichtig. Nur muss sie von den richtigen Leuten kommen.“

Björn Yttling unterstützte dich bei der Produktion von „A Space For Lost Time“, richtig?

„Richtig. Allerdings anders als damals bei ‚Leaving On A Mayday“. Er ist grandios! Ich kante ihn schon, bevor er mit Peter Bjorn and John erfolgreich wurde. Damals spielten wir allesamt in kleinen schwedischen Clubs, wo man sich wieder und wieder begegnete. Dort traf ich auch Ane Brun. Björn ist brutal ehrlich. Aber in kreativer Hinsicht. Er ist ein exzellenter Produzent.“

Von dem du profitieren kannst?

„Ja! Wir ergänzen einander. Die erneute Zusammenarbeit war unkompliziertund das ist immer ein gutes Zeichen. Er hat der Platte eine Zugänglichkeit verliehen, die mir gefällt.“

Warum kann es gut sein, sich hier und da ein wenig im Moment zu verlieren?

„Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es mir gelingen könnte, ein wenig mehr zur Ruhe zu kommen. Irgendwo las ich, dass man die Zeit verlangsamen kann, indem man Dinge tut, die man zuvor noch nicht getan hat. Wiederholung und Routine führten hingegen dazu, dass die Zeit zu rasen beginnt. Als Kind erschienen einem die Sommer noch endlos. Überall lauerten neue Abenteuer. Sobald man festgefahrener ist, seine Arbeit gefunden hat und sich Gewohnheiten einschleichen, verändert sich dies. Ein Album zu machen, ist ein Protest. Eine langsame Form der Kunst. Das passt gar nicht zu unserer schnelllebigen Gesellschaft, denn man braucht eine gewisse Aufmerksamkeitsspanne, um es wertschätzen zu können. Wobei es die Leute noch immer danach zu verlangen scheint.“

Welche Dinge nimmst du dir neben der Musik zur Hilfe, um entschleunigen zu können?

„Neue Menschen und neue Orte helfen mir dabei, Zeitabschnitte klarer voneinander separieren zu können. Irgendwie scheint nämlich mit dem Alter alles ineinander zu verlaufen. All die Erinnerungen. Und du fragst dich plötzlich: Wann war das eigentlich? Vor fünf Jahren? Oder vor sieben? Erlebnisse aus meiner Jugend, wie zum Beispiel ein Auslandsaustausch in die Staaten, wirken viel klarer. Vielleicht rührt meine Rastlosigkeit daher, dass ich sicherstellen möchte, mich erinnern zu können, indem ich häufig den Ort wechsele und die Geschichte in eine Reihenfolge bringe.“

Dabei lebst du seit elf Jahren in New York. Wobei das Touren natürlich helfen dürfte, nicht auf der Stelle zu treten.

„New York. Einerseits liebe ich es, andererseits habe ich das Gefühl, es hält mich fest. Kürzlich habe ich zumindest einen kleinen Sprung gewagt und bin vom East Village nach Brooklyn gezogen. (lacht) Erst war das schwer, aber jetzt gefällt mir, dass ich alles wieder ganz neu entdecken muss. Ich gehe einkaufen und koche vielmehr. Weiß du, was seltsam ist? Die Menschen sagen oft, sie hätten keine Zeit zu kochen, weil sie arbeiten müssen. Wenn ich die Aussage genauer betrachte, muss ich sagen, dass das wirklich irre klingt. Wer hat uns diese Idee eingepflanzt?“

Tatsächlich verrückt. Als wäre es nicht wichtig, etwas so Essenziellem wie der Zubereitung von Nahrung nachzukommen.
Es war zu lesen, dass „A Space For Lost Time” anders konzipiert war, als die fertige Platte klingt.

„Ursprünglich wollte ich ein reduziertes Album machen. Nur mit Gitarre und Piano. Soweit zumindest der Plan. Aber man muss am Ende dem Wesen der Songs folgen. Meine Stücke tragen Pop-Elemente in sich und scheinen wachsen zu wollen. Vielleicht nicht alle, aber viele. Natürlich kann ich die Tracks akustisch spielen und habe das live auch getan. Nur ist das Touren eine ganz andere Erfahrung als der Aufnahmeprozess. Auf der Bühne darf man auch mal Fehler machen und leichtfüßiger sein. Im Studio hingegen versucht man, die ultimative Version eines Songs zu finden, um sie dann zu fixieren.“

Vielen Dank für das Gespräch, Anna.

„Ich habe zu danken.“

Foto-Credit: Sven Serkis

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