REVIEW: slowthai „TYRON“

Zwischen Aggression und Progressivität: Auf „TYRON“ lässt slowthai die Hörer an seinem Entwicklungsprozess vom Provokateur hin zu einer wichtigen Galionsfigur für zeitgenössischen Hip-Hop teilhaben.

Mercury-Preisverleihung 2019: Um seinem Ärger bezüglich des anstehenden Brexits Luft zu machen, enternt Tyron Kaymone Frampton aka slowthai die Bühne mit einer Attrappe des abgetrennten Kopfes von Primeminister Johnston. Rüpelhaft oder mutig? Vermutlich vereint slowthai beide Aspekte in seiner Person. Schon früh lernte er die Schattenseiten des Lebens kennen und war einer gewissen Hoffnungslosigkeit ausgesetzt. Als Kind einer 16-Jährigen wuchs er in ärmlichen Verhältnissen im Osten Londons auf, musste mit sieben den Tod eines jüngeren Bruders verkraften und geriet schließlich als Jugendlicher auf die schiefe Bahn – inklusive krimineller Tätigkeiten, Drogen und Alkohol. schließlich als Jugendlicher auf die schiefe Bahn – inklusive krimineller Tätigkeiten, Drogen und Alkohol. Wo viele die sprichwörtliche Kurve nicht mehr gekriegt hätten, gelang es Frampton  jedoch, mithilfe der Musik eine neue Perspektive für sich aufzutun. Es mag nach einem Klischee klingen, doch scheinbar haben vor allem Rap und Hip-Hop – aufgrund ihrer „Kein Blatt vor’m Mund“-Mentalität – die Kraft, jüngere „fehlgeleitete“ Menschen dort zu erreichen, wo emotionale und mentale Hebel eingefahrene Muster zu durchbrechen vermögen. Frampton nutzte seine Energie jedenfalls irgendwann lieber für die Produktion eigener Songs statt für Dummheiten, die ihm Gefängnisstrafen hätten einbringen können. Was dabei besonders fasziniert, ist die Verletzlichkeit, die der Brite in seinen Werken hervorblitzen lässt. Bester Beweis: Das Album „TYRON“. Was der höchst persönliche Titel bereits andeutet, bestätigen die Texte, Beats und Melodien der Platte. slowthai ist ein Mann mit vielen Facetten. Mit rauen, aber auch sanften Seiten. Genau dieses Spannungsfeld lässt die LP einschlagen wie eine Bombe. Während der Auftakt düster und bedrohlich wirkt, sorgen die späteren Tracks auf „TYRON“ zunehmend für optimistischere, lichtdurchflutete Momente. Dank der sich langsam verändernden Grime-Sounds-Kulisse im Hintergrund und der voranschreitenden Entschleunigung der Rap- und Gesangspassagen. Begleitet von Gästen wie A$AP Rocky, Skepta oder James Blake. Es ist, als kämpfe man sich Stück für Stück aus der finstersten Gasse einer unpersönlichen Großstadt in Richtung einer weiten Fläche unter blauem Himmel vor. Und dort wartet er schon. slowthai. Von einem Pfeil erschossen am Fuße eines Apfelbaums, wo er über Vergangenheit und Zukunft sann. Ein letzter Schock inmitten einer bittersüßen Idylle. Wie auf dem Cover seines Meisterwerks „TYRON“. Absolute Anspielempfehlung! Auch für diejenigen, die sonst wenig mit genannten Genres am Hut haben.

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