REVIEW: Tricky „Fall To Pieces“

Wenn Traumata zur Inspirationsquelle werden: Tricky beweist auf „Fall To Pieces“, dass er aus Wahnsinn Anmut und aus Trauer Hoffnung zu destillieren vermag.

Adrian Nicholas Matthews Thaws Biografie liest sich wie ein schwermütiges, radikales Drama. Immer wieder sah sich der 52-Jährige mit herben Schicksalsschlägen konfrontiert. In seiner Kindheit beherrschten Gewalt, die Abwesenheit des Vaters und der Suizid der Mutter das Leben des Briten. In den letzten Jahren verlor er dann seine Tochter Mazy durch einen mehr als tragischen Tod. Manch einer wäre an diesen Einschnitten zerbrochen. Und auch Tricky, Thaws Alter Ego, steckte sie nicht leichtfertig weg. Doch nutze er ihre Gewaltigkeit eindrucksvoll als Motor für seine Kreativität. Wie Narben zieren die Erlebnisse der Vergangenheit nun seine Musik. Oder sind verwoben mit den Geschichten, die er in seinen Texten ausrollt. Als einer, der zusammen mit Massive Attack dem Trip-Hop in den Neunzigern das Laufen lehrte, ist Tricky sich den Stärken jenes Genres mehr als bewusst. Folglich nutzt er auch auf „Fall To Pieces“ düstere Beats und Samples, um mit diesen einen fiebrigen Klangkosmos heraufzubeschwören. Da dieser für sich genommen den Hörer aber leicht überfordern könnte, bedient sich der Brite eines schlauen Schachzugs. Er kontrastiert seine trübsinnigen Lyrics und Melodien mit zarten, oft gesäuselten Frauengesängen. Damit macht er das ewig Weibliche, vielleicht sogar eine Mütterlichkeit, die er selbst nie kennengelernt hat, zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Die Gastvocals von Sängerinnen wie Oh Land oder der Newcomerin Marta Złakowska, die bereits auf dem Vorgängeralbum „Ununiform“ (2017) zu hören war, sorgen jedenfalls für die nötige Wärme in einer sonst eher kühlen Klangumgebung.

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