Interview: Austra

Queerer Electropop aus Kanada: Katie Stelmanis fungiert mit ihrem Projekt Austra als musikalisches Sprachrohr für die LGBTIQ-Gemeinschaft. Am 01.05.2020 erschien ihr viertes Studioalbum „HiRUDiN“.

Katie, Glückwunsch zu deinem neuen Album!

Ja, es ist beinahe furchterregend, dass es nun erscheint. Aber das hat auch etwas Gutes. Ich glaube, wenn du keinerlei Angst empfindest, bedeutet das auch, dass du nicht aufgeregt genug bist.

Inwiefern kann Aufregung hilfreich sein?

Nun ja, du arbeitest Jahre lang an etwas, das nur du und ein paar andere Leute kennen. Du weißt einfach nicht, wie es später aufgenommen wird. Ob die Menschen es verstehen oder sich überhaupt dafür interessieren werden. Dieser Gedanke kann schon beängstigend sein. Aber natürlich ist es auch spannend, etwas derart Persönliches, das dich verletzlich macht, in die Welt hinauszuschicken. Denn das führt zu neuen Möglichkeiten und Perspektiven.

Wofür steht der Titel „HiRUDiN“?

Hirudin ist ein Peptidgemisch, das man im Speichel von Blutegeln findet. In der Heilpraxis wurde es als natürlicher Blutgerinnungshemmer eingesetzt. Mir gefiel die Idee, dass Blutegel als Parasiten gelten, aber auch Heilkräfte besitzen. Eine gute Metapher. Das Hauptmotiv der Platte sind toxische Beziehungen. Da denkt man schnell an negative Aspekte, obwohl sie auch wertvolle Lektionen bereithalten können.

Wie hast du besagte Analogie gefunden? Hast du recherchiert?

Tatsächlich habe ich mich viel mit Blutegeln beschäftigt, weil ich sie als Bild für toxische Beziehungen interessant fand. So stolperte ich auch über das Konzept von Hirudin. Es gefiel mir.

War es eine Herausforderung, an „HiRUDiN“ zu arbeiten?

Sehr sogar. Ich merkte, dass die Art, wie ich in der Vergangenheit Alben produziert hatte, mich nicht mehr zufriedenstellte. Also musste ich die Dinge anders angehen. Wie das aussehen würde, war mir lange Zeit nicht klar. Es ist ein kleines Wunder, dass diese Platte existiert, weil es viele Phasen gab, in denen ich zweifelte, ob ich überhaupt weiter Musik machen würde.

Wie sahen die Veränderungen schlussendlich aus?

Eigentlich war ich stets resistent, wenn es darum ging, jemanden in meine kreative Welt hineinzulassen. Über zehn Jahre hatte ich dieselbe Liveband an meiner Seite, doch irgendwann profitierte ich von unserem Austausch nicht mehr. Deswegen entschied ich mich, mich von den Bandmitgliedern zu trennen und neue Kollaborateure zu suchen. Wer diese Lücke füllen würde, war erst ungewiss. Doch dann arbeitete ich plötzlich mit den unterschiedlichsten Leuten zusammen. Das war wie Speed-Dating. Vorher hatte ich noch nie Sessions mit anderen Musikern ausprobiert. Ich wusste gar nicht wirklich, wie das ablaufen würde. Am Ende hat es sich aber richtig angefühlt und mir viel Spaß gebracht.

Also eine gute Entscheidung?

Absolut. Musik zu machen, ist eine soziale Aktivität. Jeden Song, den du schreibst, willst du irgendwann mit jemand anderem teilen. Ihn vorspielen. Mich zu öffnen, war sehr befreiend.

Auf „HiRUDiN“ widmest du dich neben den Auswirkungen toxischer Beziehungen auch dem Phänomen des Queershamings. Warum war dir das ein Anliegen?

Meiner Meinung nach ist das ein wichtiges Thema. Selbst unter denen, die ein verständnisvolles Umfeld haben. Viele denken, es gäbe ein einziges, großes Coming-out. Dabei muss man sich wieder und wieder erklären. Zum Beispiel bei Grenzkontrollen, wenn man gefragt wird, wohin man möchte und in welcher Beziehung man zu jemandem steht. Oder im Alltag, wenn dir als lesbischer Frau automatisch ein Freund angedichtet wird. Obwohl ich seit 17 Jahren out bin, gibt es immer wieder Momente, in denen es mich überrascht, dass meine Homosexualität eine Rolle spielt. Das wirkt sich auch auf Partnerschaften aus. Natürlich werden auch heterosexuelle Paare Probleme haben, denen sie sich stellen müssen. Am Ende brauchen wir vermutlich alle eine Paartherapie (lacht). Aber ich denke schon, dass in queeren Beziehungen besonders viel Scham bezüglich der gelebten Sexualität und dem Zeigen der Verbundenheit zueinander besteht.

Fühlst du dich generell mit der LGBTIQ-Szene verbunden?

Definitiv. Ich bin hauptsächlich von Mitgliedern der LGBTIQ-Community umgeben. Lass uns der Einfachheit halber aber queere Leute sagen, denn es sind mittlerweile zu viele Buchstaben, um sie jedes Mal aufzuzählen (lacht). Vermutlich liegt das daran, dass ich vor allem auf entsprechende Partys gehe und ausschließlich queere Menschen date. Manchmal ist das schon irgendwie lustig, denn ich habe das Gefühl in einer Art Blase zu leben. Wenn ich dann auf heterosexuelle Ansichten oder Meinungen zu einem Thema treffe, verwirrt mich das ab und zu (lacht).

Wie steht es aus deiner Sicht um die Akzeptanz gegenüber LGBTIQs in der Gesellschaft?

Ich denke, die Akzeptanz ist gestiegen. Als ich 2011 meine erste Platte veröffentlichte, kam es mir so vor, als sei ich die einzige, die über homosexuelle Themen sprach. Und dass, obwohl es viele andere queere Künstler gab. Nur schwiegen die. Heute ist das anders. Fast jeder äußert sich. Ich komme aus Toronto. Einer sehr progressiven Stadt. Deswegen habe ich mir auch nie groß Gedanken darüber gemacht, was ich sagen kann und was nicht. Als ich dann nach Europa, Asien sowie in einige Regionen der Staaten reiste, merkte ich, dass man nicht überall so offen war. Obwohl man keine Vorurteile gegenüber Homosexuellen äußerte, widmete man sich dem Thema in der Praxis kaum.

Was denkst du über Entwicklungen, wie die in Polen, wo LGBTIQ-freie Zonen eingerichtet werden?

Es ist katastrophal. Die aktuelle Rechtsbewegung, die die Welt in Atem hält, hat viele negative Auswirkungen. Ich selbst bin zwar noch nie in eine gefährliche Situation geraten, allerdings zähle ich als weiße Frau auch zu einer privilegierten Gruppe.

Gibt es Orte, die du beim Touren meidest?

Nein. Ich glaube, es ist wichtig, Präsenz zu zeigen. Wir waren in den letzten Jahren zum Beispiel mehrfach in Russland und standen vor Tausenden queeren Menschen auf der Bühne.

Inwiefern kann Musik Toleranz fördern?

Musik bringt Menschen physisch zusammen. Du kannst dein ganzes Leben mithilfe des Internets gestalten und musst nirgendwo mehr hingehen. Wenn du aber tanzen oder deinen Lieblingskünstler performen sehen möchtest, kommst du um den Kontakt mit anderen nicht herum. Das gemeinsame Erlebnis und der Austausch fördern ein Gefühl von Humanität. Man ist verbundener mit der Welt um sich herum. Andererseits hilft es zum Beispiel auch, zu hören, dass man nicht der einzige ist, der Situationen wie Liebeskummer durchstehen muss. Ich habe kürzlich zum ersten Mal eine „Trennungs-Playlist“ bei Spotify angeworfen und fühlte mich Dank der Musik verstanden.

Welche Rolle spielt Musik für Subkulturen und deren Suche nach einer eigenständigen Identität?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Subkulturen nur wegen Musik existieren, und manch anderes Mal denke ich, dass Musik oft Produkt von subkulturellem Leben ist. Nimmt man zum Beispiel die schwule Community, dann überlappen viele Aspekte mit denen des Mainstreampops. Wenn Leute über einen Künstler oder ein Genre zusammenfinden und sich verbinden, bringt das manchmal etwas Derartiges hervor.

Hast du den Eindruck, dass junge Lesben, Schwule und trans Menschen enger zusammenstehen, als es bei früheren Generationen der Fall ist?

Auf jeden Fall. Ich selbst fühle mich alt im Vergleich zu den heute Zwanzigjährigen. Die sind dermaßen fortschrittlich. Wow! Man denke nur an Ideen wie nicht binäre Geschlechtlichkeit oder Pansexualität. Mir war es damals wichtig, mich als Lesbe zu identifizieren. Das wirkt jetzt fast schon überholt. Es ist toll, was man von jungen Menschen lernen kann. Ihre Überzeugungen formen die Realität von morgen.

Wenn du die Welt für einen Tag regieren dürftest, was wären deine ersten Erlasse?

Oh, schwierige Frage. Was mir aber sofort einfällt, ich würde Autos verbannen. Sie sind für viele Probleme mit verantwortlich.

 

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