So klang 2018

Dem Musikjournalismus geht es schlechter denn je. Zwei der renommiertesten deutschsprachigen Magazine mussten in diesem Jahr das Handtuch werfen, weil es ihnen schlichtweg an Lesern und Anzeigenkunden fehlte. Logarithmen auf Spotify und Co. scheinen heutzutage eben wichtiger zu sein als das Urteil von Fachleuten. Wir leben in einer Welt, in der man sich nicht mehr in Ruhe mit Musik auseinandersetzen will, sondern in der sie oft nur noch als Untermalung eines schnelllebigen Alltags herhalten muss. Wen interessiert schon, was vor zwei, drei Wochen veröffentlicht wurde, wenn bereits etliche neue Tracks verfügbar sind? Uns! Weshalb wir die letzten zwölf Monate akustisch Revue passieren lassen und auf Künstler und Alben hinweisen möchten, die vielleicht im allgemeinen Trubel untergangen sein mögen, bei denen es sich aberdefinitiv lohnt, auch nachträglich noch ein Ohr zu investieren.


ALBUM DES JAHRES

Robyn «Honey»

Wie man aktuelle Trends bedient, ohne dabei die eigene kreative Identität aus den Augen zu verlieren, zeigt Robyn mit ihrer Comeback-LP «Honey». Es musste viel passieren, bis die in Stockholm geborene Sängerin und Produzentin zu der Erkenntnis gelangt war, dass sie an einem neuen Album arbeiten musste, um den Ausweg aus einer depressiven und kräftezehrenden Episode zu finden. Unterstützt von ihren Fans brachte Robyn aber schließlich die nötige Energie auf, um eine der innovativsten Discoplatten zu erschaffen, die man dieser Tage auf dem Markt finden kann. «Honey» bedient ein Spektrum, das von bittersüssem Pop bis zu experimentelleren Passagen reicht.


SCHON GEHÖRT? WENN NICHT BESTEHT NACHHOLBEDARF!

The Carters «EVERYTHING IS LOVE»

Das Ehepaar Carter bekräftigt seine Liebe und zeigt, wie ausgefeilt und raffiniert R’n’B, Hip- Hop und Soul klingen können, wenn Spezialisten ans Werk gehen. Ein gelungenes Finale der Albumtrilogie, die 2016 mit Beyoncés «Lemonade» begann und 2017 von Jay-Z mit «4:44» fortgeführt wurde.

Villagers «The Art of Pretending to Swim»

Als es um die Öffnung der Ehe in Irland ging, kämpfte Conor O’Brian an vorderster Front. Dass der Frontmann der Villagers neben einem ausgeprägten Sinn für Gleichberechtigung aber auch ein beachtliches musikalisches Talent besitzt, lässt sich anhand von neun wunderbar leichtfüssigen Songs erkennen.

Florence + The Machine «High As Hope»

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Trotz oder vielleicht wegen der vielen problematischen Erfahrungen, die die Britin Florence Welch in ihrer Vergangenheit gemacht hat, strahlt ihr mittlerweile viertes Studioalbum von innen heraus. Optimismus trifft auf Reflexionsvermögen und eingängigen Folkpop.

Santigold «I Don’t Want: The Goldfire Sessions»

Santigolds neuster Geniestreich knüpft nahtlos an den Erfolg ihrer Hitsingle «Disparate Youth» an. Eine Platte vollgepackt mit energetischen Rhythmen und mitreissenden Melodien. Wenn eure Hüften, Schultern und Füsse da nicht in Bewegung geraten, solltet ihr schnellstmöglich einen Orthopäden aufsuchen.


NACHWUCHSHOFFNUNG

Tamino

Statt die Vorteile einer globalisierten Welt wertzuschätzen, wachsen vielerorts Fremdenhass und die Angst vor unbekannten Kulturen. Schluss damit! Auf seinem Debüt «Amir» reisst der Belgier Tamino mentale Grenzen zwischen Morgen- und Abendland ein. Einfühlsam besinnt er sich auf seine ägyptischen Wurzeln und kombiniert Klänge aus aller Herren Länder mit typisch westlicher Liedermacherkunst. Diese Herangehensweise sorgte dafür, dass Tamino schnell zum gefragten Newcomer avancierte. Aber auch seine tiefe und doch sanfte Stimme trug nicht unwesentlich dazu bei.


OOPS… WE PLAYED IT ALL YEAR LONG (Playlist)

Dieser Artikel erscheint in der kommenden Printausgabe des Mannschaft Magazins.

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