REVIEW: Lyenn „Slow Healer“

Wenn es wochenlang wie aus Kübeln schüttet, ohne dass die Sonne auch nur im Geringsten Anstalten macht, sich mehr als ein paar Minuten am Stück hinter den Wolken hervorzukämpfen, dann kann das gehörig auf die Stimmung drücken. Wenn es dann aber auch noch Sommer ist und wir eigentlich draußen vor der Tür herumspringen sollten, statt drinnen zu hocken und darüber nachzudenken, die Heizung wieder anzustellen, dann läuft etwas gehörig schief. Mag es der globalen Erwärmung, irgendwelcher Zufälle oder der Hand Gottes zu verdanken sein, der Sommer 2017 stürzt sich derzeit von einem Regenschauer in den nächsten. Doch, was tun? Wir haben uns für eine recht unkonventionelle Lösung entschieden und versuchen, die Botschaft, die uns das Wetter zu senden versucht, auf Biegen und Brechen zu entziffern. Unterstützung erhoffen wir uns dabei – wie sollte es auch anders sein – von der passenden Musik. Zielgerichtet suchten wir deshalb nach dem melancholischsten Release des Julis. Gefunden haben wir ihn in Lyenns „Slow Healer“. Nun heißt es, solange Trübsal zu blasen, bis der Gewöhnungseffekt uns mit dem Grau am Himmel versöhnt oder wir diesem gar etwas Schönes abgewinnen können.

Hinter dem Pseudonym Lyenn verbirgt sich der Belgier Frederic Jacques. Statt auf heitere Melodien und aufgeladene Beats zu setzen, erforscht Lyenn in seinen Songs das akustische Schattenreich. In dessen tiefsten Tiefen hat er die Inspiration gefunden, die auch seinem Album „Slow Healer“ zugrunde liegt. Leidenschaftlich lodern die 10 darauf befindlichen Tracks – in ihrer Intensität derart stark, dass schwache Gemüter daran leicht zerbrechen könnten. Sich Titel wie „Lion’s Heart“, „Show Me The Way“ oder „Fading“ in Dauerschleife zu Gemüte zu führen, gleicht dem Tanz auf der Klippe eines hohen Berges. Man weiß nie, ob der nächste Schritt nicht dazu führen könnte, hinabzustürzen. Und doch sind da auch Licht und Wärme. Diese enthüllt sich vor allem, wenn Jaques zum Gesang seiner nachdenklichen Lyrics ansetzt. Einer vorangegangenen emotionalen Achterbahnfahrt und einem Aufenthalt in der Kargheit Islands ist es zu verdanken, dass „Slow Healer“ als Album schlussendlich Gestalt annehmen konnte. Zuvor hatte Lyenn die Arbeiten daran immer wieder zugunsten anderer Projekten und seiner Funktion als Bassist der Mark Lanegan Band geopfert. Doch was lange währt, wird endlich gut. Sehr gut sogar. Obgleich viele der auditiven Motive bereits vor den Aufnahmen zum Album standen, lebt „Slow Healer“ von der Improvisation als Stilmittel. Hätte Lyenn die Platte nur einen einzigen Tage später eingespielt, wäre sie vermutlich eine ganz andere geworden. So ist sie nun aber ein Zeugnis für den Glanz des vermeintlich Glanzlosen.

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